Meine Geschichte in der DDR

Am 24. November 1953 wurde ich in Meiningen geboren. Kindheit und Jugend habe ich in Römhild verbracht.
Geprägt von der christlichen Erziehung meiner Eltern begann mit dem Eintritt in die Schule eine konfliktreiche Zeit.
So blieben die obligatorischen Aufnahmeanträge in Pionierorganisation und FDJ unausgefüllt ebenso wie der Antrag auf Teilnahme an der Jugendweihe. Aber nicht nur das: Ich weigerte mich die dritte Strophe der „Internationale“ zu singen, vergaß das DDR-Emblem auf der Deutschlandfahne, unterschrieb eine Resolution gegen den „Aggressor“ Israel nicht und vieles mehr. Dafür weigerten sich die Schulbehörden ihre Zustimmung zum Besuch der Erweiterten Oberschule (Gymnasium) zu geben.
Trotzdem konnte ich 1970 eine Ausbildung als Baufacharbeiter mit Abitur beginnen. Beendet habe ich sie allerdings nicht. Mein Antrag auf Wehrdienst ohne Waffe und die Verweigerung des Schießens im GST-Lager (obligatorische vormilitärische Ausbildung bei jeder Lehrausbildung) verstärkten die Zweifel an meiner Eignung zum künftigen sozialistischen Kader.
In diese Zeit fällt auch die Erfassung in der Kerblochkartei der Staatssicherheit als „Person, die zu feindlich-negativen Demonstrationshandlungen neigt“.
Die Berufsausbildung konnte ich beenden und begann danach im Johannes-Falk-Haus in Eisenach eine Diakonenausbildung als kirchlicher Mitarbeiter für Gemeindeaufbau in Neubaugebieten und Jugendarbeit. Nach vierjähriger Ausbildung, ich heiratete am Ende der Ausbildung meine Frau Sybille und wurde Vater unseres Sohnes Christoph, begann ich in Meiningen als Kreisjugendwart der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde für den Kirchenkreis Meiningen zu arbeiten.
Im Herbst 1979 bekam ich die Einberufung als Bausoldat zum Wehrdienst ohne Waffe (Kriegsdienstverweigerer). Es wurden schlimme eineinhalb Jahre, in denen die Freiheit der Verweigerung mit allen daraus erwachsenden Konsequenzen für mich die einzige Freiheit blieb. Ich trat in einen quasi Hungerstreik. Völlig abgemagert begann ich meine Arbeit 1981 wieder in Meiningen.
In diesem Jahr wurde unsere Tochter Juliane geboren.
Meine Arbeit war von Anfang an von einer großen Offenheit für junge Menschen geprägt. Zwei Dinge waren und sind mir wichtig: Die Liebe Gottes gilt allen Menschen, ob getauft oder nicht. Und: Christlicher Glaube hat immer etwas mit meinem und dem Leben anderer und den Lebensverhältnissen zu tun. ‘Damit in Zukunft keiner mehr unter die Räuber fällt muss die Straße von Jericho nach Jerusalem neu gebaut werden. ’(Martin-Luther King). Es sind viele unter die „Räuber“ gefallen und sie fallen noch.
Meine Arbeit als kirchlicher Mitarbeiter war und ist auch immer politische Arbeit. Auf der Suche nach Alternativen wurde die „Offene Arbeit“ zu einem Kernbereich der Opposition in der DDR. Schon Ende der siebziger Jahre veranstalteten wir sogenannte „Friedenswerkstätten“ unter anderem unter dem Thema: „Reformation heute – alternativ leben“.
Dies setzte sich von 1981 an mit der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“, den Friedensdekaden, den „Gemeindetagen Frieden“ und den „Friedensgebeten“ fort. 1982 gründeten wir den Gesprächskreis für Frieden und Ökologie der Kirchgemeinde Meiningen, der heute noch existiert. Neben der Vorbereitung größerer Veranstaltungen, dem politischen Gespräch, der Gemeinschaft, sie war so wichtig um manche Resignation und Enttäuschung abbauen zu helfen, schrieb ich Eingaben u.a. zum Schießbefehl an der Grenze, zur Entmündigung der Bürger der DDR, zur Umweltverschmutzung, zur fehlenden Demokratie und der Alleinherrschaft der Partei aber auch zur Gemüseversorgung in Meiningen. Diese wurden heftig diskutiert und mehrheitlich verabschiedet.
Wir bauten Krötenzäune, pflanzten Bäume, gründeten eine Laienspielgruppe, luden verbotene Künstler ein und vieles mehr. Ich wollte mich nicht abfinden mit der Mauer um uns und der Mauer in den Köpfen. Ich wollte das Scheitern nicht vorweg nehmen. Die Staatssicherheit reagierte auf ihre Weise: 1982 leitete sie gegen mich die „Operative Personenkontrolle Klerus“ ein und 1984 folgte die Steigerung zum „Operativen Vorgang Klerus“. Ab nun war ich vogelfrei. „Jetzt konnten alle „operativ-technischen Mittel“ eingesetzt werden, um die Person zu „zersetzen“, zu „isolieren“, die beruflichen und zwischenmenschlichen Beziehungen zu zerstören“. Viele, zu viele beteiligten sich daran. Aber es nützte nichts. Wir veranstalteten 1984 u.a. trotz aller Schikanen (Herr König – Leiter der Abteilung XX der Bezirksverwaltung des MfS: „Herr Töpfer, ich entschuldige mich für all das Schlimme, das wir Ihnen angetan haben.“) in Meiningen die einzige „blockübergreifende“ Friedensaktion zur Überwindung der militärischen Konfrontation und der Militärblöcke, die es in Deutschland je gab. Meiningen hat da Geschichte geschrieben, aber die Meininger haben es nicht einmal gemerkt.
Ich war beteiligt an der Vernetzung der Friedens- und Umweltgruppen in Thüringen, zu deren Sprecher ich gewählt wurde, und der DDR („Konkret für den Frieden“). Ich wurde in dessen Fortsetzungsausschuss gewählt, war einer der zehn Delegierten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen zur „Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ und hauptverantwortlich für die großen Friedensgebete und Demonstrationen 1989/90 in Meiningen sowie für die Auflösung der Staatssicherheit. 1989 gründete ich mit Freundinnen den „Demokratischen Aufbruch“ in Meiningen, den wir zum Jahresende wieder verließen. 1990 beteiligte ich mich an der Gründung der „Grünen Partei“ in Meiningen.